Der Mann mit den Hängebacken

3. April 2016

Es ist natürlich vorhersehbar gewesen. So idiotisch die ständig wiederkehrenden Phrasen von den heute angeblich so blassen Politikern auch sind, sie werden gemacht, was gewisse Gazetten nicht daran hindert, regelmäßig diese „Blassen“ einige Jahre später komplett zu verklären. So jüngst geschehen mit dem ehemaligen Minister des Äußersten (‚Titanic‘) Hans-Dietrich Genscher (verstorben letzten Donnerstag). Zu absoluter Hochform läuft dabei der Berliner ‚Tagesspiegel‘ auf. „Herausragende Größe“, „graue Eminenz“, „einer der bekanntesten, einflussreichsten Gestalten“, „sein Ruf als handelnder Politiker (…) legendär“, „Genschman“ (ohne freilich die Herkunft, ebenfalls ‚Titanic‘, dieser Bezeichnung zu nennen), „Außenminister der Einheit“, „vertrauenserweckende Maßnahme in Person“, „machte (…) Weltpolitik“, „genialer Taktiker“, „bedeutender Strippenzieher“, „gewiefter Handwerker“, „Genscherismus“ (nie gehört!), „Weltbewegungen im Blick, Halle im Herzen“, „Angehöriger der gebeutelten Generation“, „Gemütsmensch“, „Skatspieler“, „Witzeerzähler“, „hatte (…) ein Organ für die Tiefendimensionen der Politik, die sein Element war“, „der kluge Interpret seiner Politik“ und und und, und das alles lediglich aus einem Artikel über ihn, in dieser Zeitung, von insgesamt…, ach, zu faul zum Zählen. Habe mir allerdings die Mühe gemacht, die schleimigen Texte sämtlich zu lesen und dabei ist mir aufgefallen, dass zumindest eine bedeutsame Sache nicht erwähnt wurde, nämlich, dass Hans-Dietrich Genscher der letzte deutsche Minister war, der Mitglied der NSDAP gewesen ist.

Heute: Berlin, Jägerklause, 20 Uhr: Reformbühne Heim & Welt mit Heiko Werning, Jürgen Witte, Falko Hennig, Jakob Hein und mich, sowie den sympathischen Superstargästen Thilo Bock (Gemütsmensch) und Doc Schoko (gewiefter Handwerker)

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