Corona-Tagebuch 242

18. Februar 2021

Gestern auf dem Gehweg der Zehdenicker Straße ein buntes Bild entdeckt, welches dort hingeklebt worden war. Darauf zu sehen die Umrisse eines Menschen, der auf einer Parkbank sitzt, daneben Häuser, darüber Wolken. In krakeliger Kinderschrift mit grünem Filzer dazu geschrieben: „Helft den Obdachlosen“. Gefiel mir. Etwas kleiner stand dann noch: „Es ist zu kalt.“ Ließ die Sache gleich in einem anderen Licht erscheinen. Wächst da etwa ein Befürworter des Klimawandels heran? Am Sonntag sollen es 15°C in Berlin werden, in Köln gar 20°C. Gab es das schon mal, dass die Gewässer von einer tragenden Eisschicht bedeckt sind und die Lufttemperaturen eher zum baden gehen einladen? Laut UN-Generalsekretär Antonio Guterres haben 10 Länder bisher 75% aller verfügbaren Impfstoff-Dosen verimpft, während 130 Länder noch keine einzige Dosis erhalten hätten. Er nennt das „eine völlig unausgewogene und unfaire“ Verteilung. Ich nenne das systemimmanent, aber auch dumm, denn je ungleichmäßiger auf unserer Welt geimpft wird, desto blöder auch für jene reichen Länder, die damit am weitesten fortgeschritten sind. Der Impfschutz hält schließlich nicht ewig, aller Voraussicht nach, und nationale Grenzen existieren nur für uns Menschen, die interessiert solch ein Virus nicht. Man kann natürlich versuchen sich komplett abzuschotten, beflügelnd für die Phantasie, in der Realität jedoch lächerlich. Auch die Slowakei hat ihre Grenzkontrollen verschärft, weniger stark genutzte Übergänge wurden geschlossen, vorerst. Tschechiens Ministerpräsident Andrej Babis appelliert an die EU, auf Deutschland einzuwirken: „Was an den deutschen Grenzen passiert, ist natürlich ein Verstoß gegen den Binnenmarkt und ein großes Problem für uns alle.“ In grenznahen deutschen Gegenden klagen Unternehmen darüber, dass ihnen teilweise über 30% der Arbeitskräfte fehlen. Was das für betroffene Tschechen bedeutet, kann man nur ahnen. Südafrika begann gestern mit dem Impfen des Johnson & Johnson-Vakzins, Venezuela beginnt heute mit dem Impfen von ‚Sputnik V‘. Auckland hebt den Lockdown wieder auf. Die USA nehmen die Zahlungen an die WHO wieder auf. In Großbritannien sollen zu Forschungszwecken 90 Freiwillige zwischen 18 und 30 Jahren in einer „sicheren und kontrollierten Umgebung“ mit Corona infiziert werden. Das Projekt, von dem das Wirtschaftministerium beteuert: „Die Sicherheit der Freiwilligen hat Vorrang“, werde in den kommenden Wochen starten. Medizinethiker Joerg Hasford hält die gezielte Infizierung Freiwilliger mit dem Coronavirus in moralischer Hinsicht für nicht vertretbar. Bis heute kenne man keine Gruppe, bei der es kein Risiko von tödlichen Verläufen oder beunruhigenden Spätfolgen von Covid-19 gebe. Zudem könne man es Ärzten nicht zumuten, Menschen gezielt zu infizieren, ohne die Folgen abschätzen zu können, das widerspreche auch dem Hippokratischen Eid. Ein uralter Konflikt, denke ich. Tierschützer könnten sich zu recht empören, wir legten selbige Maßstäbe bei Ratten oder Affen nicht an den Tag und die haben sich nicht freiwillig gemeldet. Schwierig. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, schlägt in der ‚Augsburger Allgemeinen‘ vor, wegen der Skepsis mancher Menschen gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff, denjenigen eine Nachimpfung mit einem anderen Impfstoff zu garantieren: „Immunologisch ist das kein Problem“. Eine öffentliche Impfung von Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Steinmeier fordert der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende. Solch eine Aktion könne „vertrauensbildend“ wirken, sagte der Mann, dessen Name mir entfallen ist. Kann ihm nur zustimmen. Garantiert rennen Impfgegner dann scharenweise zu den Telefonzellen, um sich einen Termin zu sichern. Ach, Quatsch, gibt ja keine Telefonzellen mehr. Wegen starken Infektionsgeschehens wird ab Sonnabend in Flensburg eine nächtliche Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr verhängt. Frankreich verschiebt seine für März geplanten Regionalwahlen auf Mitte Juni. Über 600 Covid-19-Tote meldet Norwegen, über 1.000 Malaysia, über 4.000 Irland, über 490.000 die USA. Andrew Cuomo, Gouverneur des US-Bundesstaates New York, hat den Vergnügungsparks versprochen, dass sie im Frühling wieder öffnen dürften, das Brooklyner ‚Coney Island‘ beispielsweise am 9. April. Was für eine Weitsicht.

Tipp für heute: Bis übermorgen planen.

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