Hurra ich bin kein Schulkind!
12. August 2012
Bei so einer Schuleinführungsfeier lernt man doch immer wieder Sachen für ’s Leben. Zum Beispiel, dass man in Australien keinerlei Schulmappen kennt oder, dass es im Westen Einschulungsfeier geheißen hat, meiner unwesentlichen Meinung nach mal eine der wenigen Sachen, die man vom Westen hätte übernehmen können, durchaus, neben vielleicht noch dem Ampelmännchen und den Polikliniken. Schuleinführungsfeier klingt doch voll umständlich. Einschulungsfeier dagegen geht einem wie Flüssigbutter über die Lippen. Was ich am allererstaunlichsten fand, die Zuckertüte wurde in Jena erfunden und hat erst danach ihren Siegeszug rund um die Welt angetreten. Ehrlich, das hatte ich nicht gewusst! Zu Beginn war da übrigens wirklich nur Zucker drin. Reiner Kristallinzucker, weshalb die Tüten auch so schwer waren, dass man sie lediglich im Handwagen von und zur Schule fahren konnte. Erst nach Entwicklung der Süßwarenindustrie und durch die Erfindung des Kuscheltieres, unvergessen Karl-Heinz Kuschel, ließ sich die Zuckertüte auch von Buben und Mädchen selbst tragen, so, wie wir es heute kennen und lieben.
Heute: Berlin, Kaffee Burger, 20:15 Uhr: Reformbühne Heim & Welt mit Jakob Hein, Uli Hannemann und Heiko Werning sowie den phänomenalen Übergästen Mariann Jende, Kemal Hür und Thomas Franz
17 Kommentare zu “Hurra ich bin kein Schulkind!”
01
Im Westen gab es überhaupt keine Schuleinführungsfeiern. Und Einschulungsfeiern auch nicht. Da ging man am ersten Schultag einfach zur Schule, und gut war’s.
02
Watt? Nich?
03
Nein, eine Feier gabs bei uns auch nicht. Aber immerhin wurde man einmal hingebracht, damit man den Weg kennt.
04
Und statt Schultüte gabs ne fette Zuckerrübe, da konnte man ein halbes Jahr dran nagen.
05
Man gut, dass ihr wiedervereinigt wurdet. Das hört sich ja schlimm an.
06
Findste? Zuckerrübe, hmm, lecker.
07
Und das ausgerechnet heute.
08
Bei uns in England auch keine Einschulung. Auch keine Zuckertüten. Auch kein Nikolaus, kein Fasching und keine Hallowe’en, kein Hort und keine Pausenbrote. Aber was gut war: kein Schulranzen.
09
Wir sollten nur den Lehrern ein Apfel mitbringen aber niemand hat’s gemacht.
10
Papperlapapp. Natürlich gab es Einschulungsfeiern im Westen. Lass dir da mal nix erzählen. Und Zuckertüten, die Schultüten hießen. Und wirklich jedes Kind im Westen bekam ein Erinnerungsfoto mit Mecki, dem lustigen Hörzu-Igel, neben einer Schultafel auf der mit Kreide geschroben wurd: Mein erster Schultag! Das ist die reine Wahrheit.
11
Von welchem Westen, Herr Hannes, reden Sie denn so? Belgien? Kalifornien? Nach 1989? Also bitte.
12
Könnte es vielleicht sein, dass es im Westen unterschiedlich gehandhabt worden ist, in Ostwestfalen ohne Feier und Tüte und in Hessen mit? Bedingt vielleicht durch den dortigen Empfang der Ostsender DDR I und DDR II? Die konnte man doch beispielsweise im Münsterland (dem so genannten Tal der Ahnungslosen) gar nicht sehen.
13
Herr Werning, wir sind ein Jahrgang und kommen aus dem selben Bundesland. Okay, ich bin Rheinländer, Sie ein Westfale. Aber wie sagt Jürgen Becker so schön? „Et is furchtbar, ävver et jeht!“.
Und nun saren se nich, es gäb kein Foto von Klein Heiko mit orangener I-Dötzchen-Mütze, viel zu großer Schultüte mit einer kreidebeschrifteten Tafel „Mein erster Schultag“ und dem Mecki daneben. Also ich schwör, zumindest im Rheinland gab es das in den 70ern überall.
Und Täterää-Fernsehen hatten wir auch nicht. 1., 2. und 3. gabs nur. Und mit janz viel Schnee im Bild bei schönem Wetter auch mal SWR.
14
Eine Tüte gab es natürlich schon, und das Foto, das mich mit ihr zeigt, ist von selten gesehener Schönheit.
Aber eine Tüte ist doch keine Feier! Und da habe ich die zigfache Bestätigung von zahlreichen anderen Insassen NRWs: Wenn man denen, auch heute noch, von Einschulungsfeier in dem Sinne, wie es in Berlin gehandhabt wird, erzählt, gucken die einen nur groß an. Dort geht’s am ersten Schultag halt an die Schule, mit Schultüte, dann kommen die I-Dötze in die Klasse, werden da begrüßt, mit Stundenplänen versehen usw., und das war’s dann.
Den Berliner Brauch aber, eine richtige schulweite Feierstunde am Samstag vor dem eigentlichen ersten Schultag durchzuführen, ebenso wie die Sitte, zur Einschulungsfeier die halbe Sippschaft einzubestellen und mit denen in Restaurants einzukehren oder Gartenfeste zu feiern, die gab’s im Westen nicht. Ich habe jetzt gehört, dass dieser Brauch z. T. in den Westen rübersickert, ich traf unlängst jemand aus Hannover, wo das jetzt berlinähnlich gehandhabt wird, aber auch erst seit kurzer Zeit.
Meine These ist: Diese Einschulungsfeierei mit Familie ersetzte im heidnischen Osten das Initiationsritual der Erstkommunion im katholischen Westen.
(Und um die Frage gleich vorwegzunehmen: die freudlosen Evangelen können mit Feiern ja eh nichts anfangen.)
Zweite These: In ein paar Jahren wird im ganzen Land einschulgefeiert. So wie Halloween sich ausbreitet. Ich hoffe nur, dass die Westler dann nicht ein ähnlich würdeloses Gegreine anfangen wie eben die Zonis und Evangelen angesichts der sich ausbreitenden Kürbisköpfe.
15
Herr Werning, ich bitte sie. Ein wenig mehr Gelassenheit. „würdeloses Gegreine“, es geht hier um eine Einschulungsfeier und nicht um den Untergang des christlichen Abendlandes. Helloween kann man überflüssig finden oder nicht, genauso wie Einschulungsfeiern, letztere aber als „Berliner Brauch“ zu bezeichnen, damit willst du doch bestimmt bloß die absolute Mehrheit der Berliner treffen, die, wenn es denn wirklich nur ein Ost-Ritual gewesen sein sollte, niemals in den Genuss einer solchen Fete kam.
16
Aber Herr Ahne, so rede ich doch immer!
(Können einfach nix ab, diese Berliner, pff.)
17
Stimmt. Haste Recht.
Kommentar schreiben