Drüber hinweggelesen
25. Juni 2009
Ist es die Lust der Zelebrierung des eigenen Untergangs oder warum hat die alte Tante ‚Tagesspiegel‘ eine Pappnase namens Michael Jürgs an Land gezogen und lässt diese auch noch auf Seite 1 unter der Rubrik ‚Kreuzweise deutsch‘ daherstümpern. Klar, es ist Krise, wer wollte das verneinen, es werden Zeitungen draufgehen aber trotzdem, man sollte nicht gleich den Mut verlieren. So viel Selbsthass muss nicht sein. Kleine Kostprobe gefällig? Gut. Michael beginnt seine, soll man das Kolumne nennen?, folgendermaßen: Graublau war fast alles einst im Osten, auffällig nur die Farbe rot. Häh? Die leuchtete staatsstasitragend auf Transparenten bei den von Graugesichtigen verordneten Spontanaufmärschen der Blauhemden und kündete vom baldigen Sieg des Sozialismus. Spontanaufmärsche? Was meint er? Allerdings, staatsstasitragend, das muss ich zugeben, hat was, ein schönes Wort, doch, doch. Jürgs weiter: Seit der friedlichen Revolution sind auch alle Farben frei. Na ein Glück! Deshalb bedienen sich sogar in der Wolle gefärbte Schwestern aus der Palette lustvoller als Wessis und schmieren sich buntsträhnig Freiheit in die Haare. In der Wolle gefärbte Schwestern? Bedienen sich lustvoll aus der Palette? Soll das Kunst sein? Ach nein, denn: Deutsche Willys spielen Bruce Willis. Haha! Angeblich macht das Phallus-Symbol Glatze Frauen an, weil es sie an jenen kleinen Kerl erinnert, den Mann öffentlich nur an FKK-Stränden des Ostens zeigt. Selbstverständlich nur an FKK-Stränden des Ostens, an FKK-Stränden des Westens da…, ja was zeigen die Männer dort? Ihr nacktes Auto? Ohne Extras? Doch lesen wir weiter: Bei Neonazis symbolisieren Glatzen nicht Wollust sondern Wotan. Ganz richtig erkannt. Deswegen werden die Glatzköpfigen ja in Anlehnung an den langhaarigen, germanischen Gott auch Skinheads genannt. Die blank geputzten Schnürstiefel symbolisieren übrigens Wotans treue Raben Hugin und Munin. Zu großer Form läuft Jürgs ein paar Zeilen später auf: Auf dem Fundament nicht blühender Landschaften wuchsen Mauern in Köpfen, gemörtelt aus unterschiedlichen Nostalgien DDR und BRD, wonach früher alles besser gewesen sei. Na, zumindest war da der Gebrauch des Wortes gemörtelt verboten. Denn wenn es Sommer wird, sind Ostler und Westler einer bestimmten Schicht unter sich vereint… Einer bestimmten Schicht, soso. Welche Schicht wird er wohl meinen? Und unter sich vereint? Hmm. Die Sonne bringt sie an den Tag. Ach so. Bauchfreie Tussis, die ihre gepiercten für die Nabel der Welt halten begleitet von….schwitzigen Sandalenträgern, prägen Fußgängerzonen im Osten wie im Westen. Bauchfrei? Ein neuer Trend? Ist das nicht ungesund, ganz ohne Bauch? Und in welcher Schicht findet man schwitzige Sandalenträger? Jedoch: Inhaltlich ist dies wesentlich wie eine Aussage, dass es im Osten abends dunkler ist als im Westen, Dunkeldeutschland!, (wirklich so geschrieben) und die meisten dort nicht mehr in Höhlen hausen. Wo? Doch Trennendes wird kreuzweise deutsch immer gern genommen. Klar doch! Gutes Benehmen dagegen läge als Knigge-Tipp kopflastig nah: Schwarzrotgoldene Haarsträhnen und Hand aufs Herz als Einheitslook fürs Jubiläumsjahr 2009. Man, man, man alte Tante ‚Tagesspiegel‘, noch ist es nicht vorbei. Nur Mut. Wird schon.
Tipp für heute: Tausend Luftballons mit Genesungswünschen in den Himmel steigen lassen und danach zu Thilo Bocks Lesung aus ‚Die geladene Knarre des Andreas Baader‘ in die Kantine des Berghains pilgern.
3 Kommentare zu “Drüber hinweggelesen”
01
Spontanaufmarsch, der: zusammengesetzte Wortschöpfung, bedeutet ein unvermittelt (spontan)auf dem (aufm) Hinterteil auftretendes Etwas. Vielleicht tätowiert, da kenne ich mich nicht so aus.
02
Du bist sicher, dass Du nicht den Wagner von der BILD gelesen hast? Dann ist es auf jeden Fall ein ganz großer Fan von ihm. Kann man noch schlechter als das Original sein?
03
Den Artikel las ich auch und wunderte mich doch über soviel zusammengeschwurbelten Unsinn. Ganz ehrlich – ich hab mich sogar etwas geärgert, hätte ich doch bloss „Drüber hinweggelesen“.
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