Corona-Tagebuch 52

4. Mai 2020

Gewöhnt man sich an etwas, vergisst man schnell das Positive daran. Jenes, was stört, rückt in den Vordergrund. So hatte ich längst verdrängt, was es bedeuten kann, werden die Maßnahmen gegen die Pandemie gelockert. Dass dieser Idiot, der scheinbar bei uns im Hinterhaus „arbeitet“, dann wieder Tag für Tag ab 9 Uhr morgens auf dem Bürgersteig vor unserem Haus hin und her spaziert und „wichtige“ Telefonate erledigt. Seinen Buisness-Kram. Welche Projekte wie angeschoben werden sollten, wen man wo rauskantet, was man wie investieren müsse, was abstoßen, wen anzünden. Halt, Letzteres habe ich mir ausgedacht. Oder? Doch. Der Typ kann nicht leise reden. Jeder, egal in welchem Stockwerk er wohnt, muss seinen Scheiß mit anhören. Ich habe ihn bereits mit Wasser übergossen, mit Blumentöpfen beschmissen, der Typ ist unverwüstlich. Tippe ja auf Koks im Endstadium und dass es die ganzen Firmen nicht gibt, aber wer bezahlt ihn dann dafür, dass er tut, was er tut? Das Jobcenter? Eine Maßnahme für hoffnungslose Fälle? Wann wird nur endlich das Bedingungslose Grundeinkommen eingeführt? Der Ökonom Jens Südekum hat laut BILD-Zeitung „ausgerechnet“, dass der Lockdown jeden Bundesbürger und jede Bundesbürgerin 60 € pro Tag kostet. Vielleicht ist es mir das ja wert? Laut welt.de sagte er auch, wir bekämen dadurch „die stärkste Rezension seit Ende des 2. Weltkriegs“. Bin gespannt, wer die schreibt. Und wo. Serbien will in dieser Woche seinen Lockdown beenden, Neuseeland meldet das erste Mal seit dem 16. März keinen Neuinfizierten, die Türkei verzeichnet mit 61 die niedrigste Zahl von Corona-Toten seit einem Monat. Auch Italien lockert. Ein wenig. Schulen und Kindergärten bleiben aber bis September zu. Japan verlängert seine im internationalen Vergleich wenig restriktiven Maßnahmen bis Ende Mai. In Russland steigen die Infektionszahlen explosionsartig, über 10.000 Neuinfizierte am Tag. Brasilien überschreitet die Marke von 100.000 Infizierten. Dort starben bisher mehr als 7.000 Menschen offiziell an Covid-19. Corona sorgt auch dafür, dass die geplante Reinigungsaktion auf dem höchsten Berg der Erde, hierzulande Mount Everest genannt, dieses Jahr ausfällt. Von erschöpften Kletterern liegen gelassene Zelte, Sauerstoffflaschen, Essensverpackungen und Bierdosen sollten dort entfernt werden, gab der Chef des nepalesischen Tourismus-Verbandes bekannt. Auch etliche Leichen gescheiterter Abenteurer wollte man bergen. Um Platz zu schaffen. Die Anmeldelisten sind garantiert lang.

Tipp für heute: Lieber den Gipfel des Genusses erklimmen.

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