Corona-Tagebuch 134
2. November 2020
Erster Tag des zweiten Corona-Lockdowns. Morgens in die Pilze. Es ist unglaublich warm, über 20°C. Im November! Nass ist es außerdem, gibt Maronen engros. Ich lasse die Hälfte von ihnen stehen. Will mich gut stellen mit der Natur. Könnte schließlich sein, man braucht man sie nochmal, irgendwann. Die letzte Reformbühne vor der Schließung von Kultur und Gastronomie war eine Herausforderung. Neben den fehlenden Heiko Werning und Jürgen Witte sagte auch unser Gast Wello Rausch eine Stunde vor Beginn wegen Krankheit ab. Wir Übriggebliebenen mussten improvisieren und zauberten doch eine ziemlich schicke Show auf die Bretter der Baiz, wie ich fand. 15 Gäste durften live zuschauen, 15 Gäste waren da und tobten vor Begeisterung, also innerlich. Anschließend war es ein wenig, als würden wir die Schule verlassen und getrennter Wege gehen, dabei machen wir natürlich weiter, im Livestream, aber so richtig freuen kann ich mich darüber nicht. Der Schweizer Kanton Genf verhängt ab heute den Ausnahmezustand, Restaurants, Bars, alle Geschäfte, die keine Lebensmittel verkaufen, Kinos, Theater, Fitnesszentren und Dienstleister wie zum Beispiel Frisöre müssen schließen. Schulen und Kindergärten bleiben offen. Teil-Lockdown im Kosovo. Dort sind alle öffentlichen Veranstaltungen untersagt, auch Hochzeiten und Demonstrationen. Gaststätten und Einkaufszentren müssen zwischen 21 und 5 Uhr schließen. Menschen über 65 Jahre dürfen ihr Zuhause nur von 6 bis 10 Uhr und von 16 bis 19 Uhr verlassen. Krasser trifft es die griechische Stadt Saloniki. Der Flughafen dort ist geschlossen, vollständiges Ausgangsverbot von 21 bis 5 Uhr, wer tagsüber raus möchte, muss den Behörden eine SMS schicken. Würde ich als Handyverweigerer ganz schön in die Röhre gucken. In Italien gibt es Präsenzunterricht bloß noch für Grundschüler, Museen, Ausstellungen, Spielhallen und Wettbüros müssen schließen, Einkaufszentren bleiben an den Wochenenden zu. Donald Trump läuft zum Ende seines US-Wahlkampfes zu Hochform auf, richtet den Zeigefinger auf Europa und ätzt: „Jetzt müssen sie alles noch einmal machen. Was zum Teufel tun sie da? Ich glaube, ich gehe rüber und erkläre es ihnen.“ Sein Gesundheitsexperte Anthony Fauci aus der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses antwortet nicht direkt, als er sagt, die USA könnten vor dem Herbst und Winter „unmöglich schlechter positioniert sein“, Fauci weiter, „Uns steht eine Menge Leid bevor. Es ist keine gute Situation.“ Bestimmt wird Trump ihn feuern, falls er, was ich trotz erneut gegenteiliger Umfragewerte befürchte, die Wahl gewinnt. Nigel Farrage, der britische Mini-Trump, will seine Brexit-Partei zur Anti-Lockdown-Partei ummodeln. Man habe die Umbenennung in „Reform UK“ bereits beantragt, gab er bekannt. Einen Rekord an Neuinfektionen meldet Russland, 18.665 Fälle am Tag. Über 600 Covid-19-Tote im Jemen, über 800 in Venezuela, über 1.000 in Nord-Mazedonien und in Kenia, über 7.000 in Rumänien, über 35.000 im Iran, über 160.000 in Brasilien. Ein schöner Satz, den ich letztens las, stammt aus dem Corona-Tagebuch von Ruth Herzberg ‚Die aktuelle Situation‘: „Wäre ich ein Tisch, wäre ich ein Nachttisch.“ Versuche mal etwas Ähnliches: ‚Wäre ich ein Arbeitsplatz, wäre ich ein Bett.‘ Nicht so poetisch, bin aber trotzdem zufrieden.
Tipp für heute: Vergleiche ziehen.
Kommentar schreiben