Mein amerikanisches Tagebuch (44)

11. April 2019

Die großen Insekten, die hier sofort massenhaft auftauchen wenn es warm und sonnig ist und die wie eine Mischung aus Bienen und Hummeln aussehen, sollen Wespen sein. Verrückt! Wahrscheinlich sind die Vögel, die am häufigsten auf den wie Wäscheleinen aussehenden Stromkabeln sitzen und die ich als Spatzen bezeichnet hätte, Stare und die wie Stare aussehenden Gesellinnen mit dem munteren Mundwerk, Spatzen oder gar Adler. Man muss hier auf alles gefasst sein. Gestern war ich im Gefängnis gewesen. Zumindest im Vorraum eines Gefängnisses, im Cumberland County Prison, in der East High Street. Ein sehr schönes Gebäude, wo man sicherlich gerne eingesperrt wird. Ich glaube, es ist gleich nach den Kirchen hier erbaut worden, noch vor dem ersten Wohnhaus. Erst mal Kirchen, Gefängnis, Tankstelle, dann kann man auch Leute herziehen lassen, haben sich bestimmt die Stadtplanerinnen gedacht. Ist euch schon mal aufgefallen, dass ich in jüngster Zeit häufiger mal nur die weibliche Form verwende, für geschlechterübergreifende Bezeichnungen? Das gefällt mir nämlich sehr viel besser, als immer beide Formen zu verwenden oder das Binnen-I oder das Sternchen. Im Mündlichen könnte man Letztgenanntere ja sowieso nicht benutzen. Mir wäre es auch völlig egal, wenn nur die weibliche Variante genommen werden würde, daran gewöhnt man sich und irgendwann denkt man gar nicht mehr darüber nach. Ich glaube ja, im Gegensatz zu vielen anderen, auch nicht, dass die Sprache unsere Gedanken beeinflusst. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Unsere Gedanken beeinflussen, zumindest meiner Meinung nach, die Sprache. Wenn ich denke, dass ein dunkelhäutiger Mensch weniger wert ist als ein hellhäutiger, dann ist es völlig egal, wie ich ihn nenne, Neger, Schwarzer oder Afroamerikaner (-deutscher etc. pp), eher früher als später wird dann jeder dieser Begriffe zu einem Schimpfwort mutieren. Darum halte ich die Strategie der Lesben und Schwulen für die erfolgreichere. Keine Sprachflucht, sondern eine Rückeroberung der Sprache, indem man die Gedanken verändert. Verändert man die Gedanken, verändert man in der Folge nämlich auch die gesellschaftliche Realität und darum sollte es doch gehen.

Tipp für heute: Und jetzt alle so: „Yeah!“

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