Corona-Tagebuch 44

26. April 2020

Das mit dem selbstgebastelten Mundschutz ging gründlich in die Hose. Der saß vorne und hinten nicht, also eher vorne. Auch der angebliche Alleskleber versagte. Stank außerdem entsetzlich und ich hatte Schiss, dessen Dämpfe täten mich high machen und ich würde den Mindestabstand dadurch vernachlässigen. Bin deshalb schnell zur Änderungsschneiderei am Rosa-Luxemburg-Platz gespurtet und habe mir zwei Stück gekauft. 5 Mark, also Euro heißt das ja jetzt. Die Frau im Laden händigte mir welche in opafarben aus. Passt. Gegenüber standen Polizeifahrzeuge, zu denen ich, wenn ich schlecht gelaunt bin, Wannen sage. War ich aber gestern nicht, deshalb sagte ich Polizeifahrzeuge. Man kann übrigens auch Polizeiautos sagen. Diese schützten dort die Hygiene-Demo, welche seit 5 Wochen regelmäßig sonnabends stattfindet. Bürger protestieren gegen die Corona-Maßnahmen und verteidigen demokratische Errungenschaften. Sie erinnern an die Weimarer Republik und an die Wendezeit in der DDR, rufen „Wir sind das Volk“, verteilen das Grundgesetz der Bundesrepublik. Circa 1.000 waren gestern da, unter ihnen Impfgegner, Verschwörungsaufdecker wie Ken Jebsen, Querfrontstrategen, ein ehemaliger TAZ- und Jungle-World-Schreiber, die meisten aber sicher besorgte Bürger der politischen Mitte. Trotzdem schüttelt es mich. Ich glaube nicht, dass weltweit gerade ein Plan umgesetzt wird, um uns die Freiheit zu nehmen. Welche denn? Die Hälfte der Demonstrierer fände es sicherlich gut, wenn, wie gestern in Weißrussland, der Präsident das Corona-Virus verlacht und die Bevölkerung zu einem landesweiten Subbotnik aufruft, dem immerhin 2,3 Millionen folgten, Parks säuberten, Bäumchen pflanzten. Selbst Tadschikistan hat nun seine Ignoranz aufgegeben, Schulen, Kinos und Theater geschlossen, alle Sportveranstaltungen abgesagt. Bleibt den Wett-Fanatikern nur noch die weißrussische Fußballliga. Weltweit inzwischen knapp 3 Millionen Infizierte, über 200.000 Tote, allein 53.000 in den USA und das sind lediglich die Opfer, wo das Virus nachgewiesen wurde. Ungewöhnliche Selbstkritik hört man aus dem Weißen Haus in Washington, wo Mr. President zu seinen regelmäßigen Pressekonferenzen twittert: „Sie haben Rekord-Einschaltquoten und das amerikanische Volk bekommt nichts als Fake-News.“ Fürchte nur, seinen Fans ist das egal. Ob die Reformbühne heute ebenfalls eine Rekord-Einschaltquote erreicht?

Heute: Weltweites Internetz, Facebook-Kanal der Reformbühne Heim & Welt, 20 Uhr: Quarantänebühne Heim & Welt im Livestream aus den Waran-Werkstätten-Wedding mit Heiko Werning, Dr. Jakob Hein, Falko Hennig, Gott und mich, einer Anneliese-Hülschrath-Gedächtniskolumne von Jürgen Witte und Supergaststar Bov Bjerg

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