Corona-Tagebuch 54
6. Mai 2020
Am Märchenbrunnen im Friedrichshain traf ich mich gestern mit einem Mann. Nein, nicht um in die Büsche zu verschwinden, diese Szene trifft sich mittlerweile woanders, weiß auch gar nicht, ob sie sich derzeit überhaupt trifft. Wir redeten über die Situation. Über die Pandemie, über den Widerstand gegen die Maßnahmen, über das, was man noch sagen dürfe, darüber, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Wir haben in vielem unterschiedliche Meinungen und doch ging ich nach dem Gespräch beschwingter heim, als ich gekommen war. Wir redeten mehr als 2 Stunden, liefen durch den Park, während es immer wieder regnete und graupelte und meine Stoffturnschuhe bereits jeglichen Widerstand gegen das Merkel-Regime, Quatsch, gegen die Nässe aufgegeben hatten. Ich denke, es ist wichtig, in Kontakt zu bleiben, gerade jetzt. Als Stimme der Unzufriedenen mit den Corona-Beschränkungen versucht sich derzeit eine Partei namens ‚Widerstand 2020‘ zu etablieren. Angeblich wären bereits 100.000 Mitglieder in nur wenigen Wochen beigetreten, mehr als Linke oder AfD haben. Wie es dazu kommt, merkt man allerdings, sollte man die Webseite der Partei aufrufen, dann ist man nämlich automatisch Mitglied. Ich zum Beispiel bin jetzt Mitglied Nr. 106.942 und trete hiermit sofort wieder aus. Kann zwar an Werten wie „Einfühlungsvermögen“, „Ehrlichkeit“ und „Respekt“ nichts aussetzen, reicht mir jedoch nicht, um zu wissen, was die eigentlich wollen. Aussagen wie: „Wir brauchen wieder Menschen, die so sind wie du und ich“, irritieren zusätzlich, zumindest mich. „Du und ich“? Uns gibt es doch bereits, oder? Wollen die, dass es noch mehr Menschen gibt wie du und ich? Setzt sich die Partei für das Klonen von Menschen ein? Dann befinde ich mich ab sofort im Widerstand gegen ‚Widerstand 2020‘. Die neue Zauberzahl heißt übrigens 50. 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Darunter können einzelne Bundesländer ihre Maßnahmen weiter lockern, darüber müssen sie zu strengeren Restriktionen zurück kehren. Baden/Württemberg gestattet ab kommender Woche „kontaktlosen Outdoorsport“, Nordrhein/Westfalen erlaubt Besuche in Altersheimen, in Mecklenburg/Vorpommern werden bereits morgen Nagel- und Sonnenstudios wieder eröffnet. Jeden Tag wird irgendein Durchbruch verkündet, Antikörper werden isoliert, Medikamente getestet und zugelassen. Mal heißt es, der Impfstoff sei im September da, dann wieder frühestens in zwei Jahren. Ich rechne einfach mal mit gar nichts und lass mich überraschen. Im ‚Tagesspiegel‘ äußert sich der Tourismus-Beauftragte der Bundesregierung Bareiß so: „Mit etwas Kreativität findet in diesem Sommer jeder ein schönes Ziel, das er noch nicht kennt.“ Muss mich mal in meiner Wohnung umgucken. Vielleicht gibt es da ja eine Tür, hinter die ich noch gar nicht geschaut hab?
Tipp für heute: Auf die Perspektive kommt es an.
Ein Kommentar zu “Corona-Tagebuch 54”
01
Es muss mal gesagt werden, dieses Mischung in deinen Beschreibung ist individuell und prima. Ich bin auch „Leute wie du und ich“, aber manchmal ganz anders als du. Früher hatte Hans-Dieter Hüsch mal eine Nummer in der er von Menschen erzählte, die mit der Fackel irgendeiner Wahrheit herumrennen. Da rennen nun dank Netz viele rum und hinterher und überhaupt…
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