Corona-Tagebuch 55

7. Mai 2020

Seit gestern dürfen in Deutschland weitestgehend die Bundesländer entscheiden, ob und wie sie lockern. Hessen erlaubt als erstes Land Veranstaltungen bis 100 Teilnehmende, in Nordrhein/Westfalen dürfen ab 11. Mai Restaurants unter Auflagen wieder öffnen, dann können auch Ferienhäuser und Campingplätze genutzt werden und kleinere Konzerte unter freiem Himmel sind möglich. Ab 21. Mai sollen Hotels dort wieder aufmachen, ab Pfingsten Schwimmbäder, ab 30. Mai Kongresse und Messen stattfinden. Jedes Bundesland setzt eigene Schwerpunkte, in Berlin werden Kindergärten und Schulen schrittweise hochgefahren, Restaurants und Gaststätten sollen erst ab 15. Mai öffnen dürfen. Dass so etwas zu einem Überbietungswettbewerb führt, dem sich niemand entziehen kann, scheint auf der Hand zu liegen. Manche Virologen hoffen auf Glück, die innere Einsicht der Bevölkerung, oder darauf, dass dem Virus die Lust vergeht herum zu spuken. Was richtig ist, in dieser Situation, was vorher falsch gemacht wurde, kann sicher erst in ein paar Jahren gesagt werden. Ich möchte in dieser Zeit jedenfalls mit niemandem tauschen, der Verantwortung trägt. Drei positive Begleiterscheinungen des Lockdowns: die Kriminalität in Deutschland ist erheblich gesunken, die Luftverschmutzung ebenso und der Ferienwohnungsvermietungskonzern Airbnb entlässt 25% seiner Belegschaft. Pleite ist er leider noch nicht. Laut repräsentativer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes McKinsey planen übrigens viele Menschen auch nach Corona deutlich weniger ins Kino, in Theater oder Konzerte zu gehen. 26% wollen dies überhaupt nicht mehr tun. Sie möchten außerdem seltener reisen und einen großen Bogen um die öffentlichen Verkehrsmittel schlagen. Rund 30% kündigten an weniger Geld für „überflüssige Einkäufe“ auszugeben. Was aber ist überflüssig? Bücher? Bücher kann man ziemlich gut als Unterlage nutzen, oder falls der Tisch mal wackelt. Litauen, Estland und Lettland öffnen Mitte Mai die Binnengrenzen zueinander. Belgien erlaubt, dass jede Familie 4 Personen empfangen darf. Diese müssten aber immer die gleichen Personen sein und dürfen auch nur diese eine Familie besuchen. Ein ähnlich verworrenes und unkontrollierbares Gebot, wie der Berliner Vorschlag, am Tisch einer Gaststätte dürften lediglich Personen aus zwei verschiedenen Haushalten sitzen. „Alle mal bitte die Ausweise vorzeigen: Adressenkontrolle.“ Polen verschiebt seine für den 10. Mai geplanten Präsidentschaftswahlen, Spanien verlängert den Notstand um weitere zwei Wochen, in den Niederlanden müssen bis September Sex-Clubs geschlossen bleiben und Cannabis verkaufende ‚Coffee-Shops‘ dürfen nur noch „Produkte zum Mitnehmen“ anbieten. El Salvador stellt für 15 Tage den ÖPNV ein, Russland verzeichnet mehr als 11.000 Infektionsfälle in den letzten 24 Stunden, auch drei Regierungsmitglieder sind betroffen, Brasiliens Gesundheitsminister Nelson Teich hat erstmals weitgehende Beschränkungen für große Landesteile in Aussicht gestellt, dort, wo hohe Ansteckungsraten herrschen und die Krankenhäuser überfüllt seien. Mehr als 600 Covid-19-Tote werden aus dem bevölkerungsreichsten Land Südamerikas gemeldet, innerhalb eines Tages. Ach, fast vergessen, die 1. und 2. Bundesliga im deutschen Herren-Fußball, darf ab 15. Mai vor leeren Rängen wieder spielen. Wen ’s interessiert?

Tipp für heute: ‚Fahrzeugbau Wolfsburg‘ gegen ‚Chemie Leverkusen‘, Livestream im Fernsehen, kostet nur 8.000 Mark im Monat (oder so ähnlich).

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