Corona-Tagebuch 68

20. Mai 2020

Mit Freund und Kollegen Andreas Gläser tauschte ich mich auf dem Weg zu einem Westberliner Plattenladen gestern aus, welche Folgen die Corona-Pandemie für die Veränderung von Sitten und Gebräuchen hierzulande haben könnte. Einig waren wir uns, dass die Bedeutung des Händeschüttelns vermutlich abnehmen dürfte. Ob es völlig ausstirbt? Glaube ich eher nicht. Das Umarmen und Küsschen andeuten zur Begrüßung, welches wir Ostler vor der Wende lediglich aus Filmen kannten, wird bestimmt wieder Einzug halten. Warum? Weil es eine Herzlichkeit suggeriert, die man in der Realität vermisst? Möglich. Ob viele Menschen nach Corona weiterhin einen Mund-Nasen-Schutz benutzen? Ebenso möglich. Garantiert wird es weniger Kreuzfahrtwillige geben, davon bin ich überzeugt. Wie man sich freiwillig auf solch schwimmenden Hochhäusern einsperren lassen konnte, habe ich zwar noch nie verstanden, nach den Horror-Erfahrungen, den wochenlangen Odysseen diverser Vergnügungsdampfer von Hafen zu Hafen mit hunderten, gar tausenden Kranken an Bord, dürfte die Lust auf Wiederholung jedoch deutlich gedämpft sein. Die Bereitschaft sich gegen gefährliche Krankheiten impfen zu lassen, wird vermutlich sogar abnehmen, meiner Meinung nach. Paradox, aber Impfgegnerschaft scheint Teil einer neuen Ideologie zu werden. Oder gab es die schon immer? Misstrauen, nicht nur gegenüber dem Staat, sondern gegenüber der Wissenschaft, der Bildung, den „Eliten“ ganz allgemein? Bedeutet andererseits natürlich Konjunktur für Geistheiler, Wundermittel, alternative Krebstherapien. Da braucht man nicht extra studieren, das hat man ja im Urin. Für Leute, welche wie ich, zu faul zum Lernen sind, bieten sich da neue Zukunftschancen an. In den Niederlanden öffnen ab 1. Juni Schulen, Museen, Theater, Kinos, Restaurants und Cafes. Gaststätten, Kinos und Theater dürfen vorerst höchstens 30 Personen empfangen. Stelle mir das bei einem großen Theater ziemlich gruselig vor. Außerdem wird eine Maskenpflicht im ÖPNV eingeführt. Diese gilt in Spanien auch für öffentliche Räume, ebenso wie in Ägypten, dort allerdings erst ab 30. Mai. Sachsen/Anhalt erlaubt ab sofort private Feiern für bis zu 20 Personen, bei Hochzeiten, Beerdigungen und Tagungen dürfen bis 100 Personen teilnehmen. Proteste und Plünderungen werden aus Bolivien gemeldet und aus Santiago de Chile, wo aufgrund einer strikten Ausgangssperre und fehlender finanzieller Unterstützung, die Menschen in den ärmeren Vierteln Hunger leiden. Auch die irakische Regierung hat wegen steigender Infektionszahlen eine Ausgangssperre über weite Teile Bagdads verhängt und auch hier betrifft dies die ärmeren Viertel, wo viele Menschen auf engem Raum zusammen leben. Brasilien meldet 1.179 Covid-19-Tote am Tag. Uber streicht 3.000 Arbeitsplätze, weil die gebuchten Fahrten weltweit um 80% eingebrochen sind. Eine weitere positive Nachricht, in der EU ist im April der Autoverkauf um 76% gesunken, im Vergleich zum Vorjahr. Schlechte Nachrichten hingegen für Freunde des rituellen Besaufens. Zu Christi Himmelfahrt, einem kirchlichen Feiertag, welcher in Deutschland gerne als Vater- oder alternativ Herrentag begangen wird, dürfen aus Infektionsschutzgründen, im Bundesland Bremen zumindest, alle Gaststätten von 8 bis 22 Uhr keinen Alkohol verkaufen, selbst außer Haus nicht. „Freiheit!“

Tipp für heute: Christi Himmelfahrt ist erst morgen, heute kann man sich noch die Kante geben, selbst in Bremen.

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