Corona-Tagebuch 174

9. September 2020

Nachdem ich heute bei meiner Meisenärztin in Neukölln gewesen war, keine Corona-Störung, ich bin ganz normal bekloppt, hatte ich Hunger und betrat zu dessen Stillung einen Nudel-Imbiss in welchem Selbstbedienung herrschte. An der Kasse wurde ich, nach meiner Bestellung, dazu aufgefordert mich zu identifizieren, über so einem, ja, wie nennt sich das? Ein Code? Keine Ahnung wie das heißt. Woran man bereits merkt, ich besitze kein Smartphone, nicht mal ein anderes altertümliches Taschentelefon nenne ich mein eigen. Ich hinke hoffnungslos der Zeit hinterher. Der Mann hinter der Kasse schaute mitleidig, als ich mit dem Finger auf das Zeichen tippte und „Geht nicht“ rief. Er zuckte mit seinen Schultern: „So sind die Bestimmungen, Corona.“ Ich verriet ihm, dass ich kein Handy hätte. „Kaputt?“ „Hmm, so ähnlich.“ „Dann komme ich gleich mit Zettel und Stift und du schreibst mir mal Name und Adresse auf“, so der freundliche Mensch. Die Nudeln schmeckten und der freundliche Mensch hatte zu tun. Viel zu tun. Wahrscheinlich zu viel zu tun, um Zeit zu finden, mit Stift und Papier zu mir zu kommen. Um welchen Imbiss es sich handelte, verrate ich aber nicht, will ja niemanden ans Messer liefern. In Weißrussland verhaften sie zur Zeit am laufenden Band Oppositionelle, die gegen Diktator Lukaschenko protestieren. Manche werden auf offener Straße gekidnappt, in Lieferwagen zur Grenze gefahren, damit man sie endlich los ist. Trotzdem demonstrieren Zehntausende, manchmal Hunderttausend, gegen den schnauzbärtigen Irren, der sich abwechselnd als liebevolles Väterchen und waffenwütiger Raufbold präsentiert. Nebenbei leugnet er natürlich die Gefährlichkeit der Pandemie, klar, wobei man sagen muss, trotz ausgebliebener Maßnahmen, schlimm erwischt hat es Weißrussland bisher nicht, mit Corona zumindest, im Vergleich zur Ukraine beispielsweise. Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist nieder gebrannt, nachdem es unter Quarantäne gestellt worden war, da mittlerweile 35 Flüchtlinge dort positiv getestet wurden. Ob nun die Insassen selber das Feuer entzündeten, scheint mir unerheblich, das Lager an sich ist, ausgelegt für 2.800, vollgestopft mit über 12.600 Menschen, eine einzige Schande für die Europäische Union. Aktuell überwacht die griechische Polizei rund 12.000 Flüchtlinge auf einem Autobahnabschnitt. Wohin mit ihnen? Wegen steigender Infektionszahlen verhängt Ungarn ein Besuchs- und Ausgehverbot über alle Alten- und Pflegeheime im Land. Rekord an Neuinfektionen melden Tschechien, 1.164 Fälle am Tag und Israel, 3.496 Fälle am Tag. Über 300 Covid-19-Tote in Libyen, über 3.000 in der Ukraine, über 4.000 in Rumänien. In Potsdam durfte ich gestern noch mal zu einer Hybrid-Lesung ran, Lesung und Gespräch vor Publikum plus Livestream, danke an die Bürgerstiftung, die das ermöglichte. Beeindruckender als die Lesung jedoch war, dass ich einen Bekannten, den ich mindestens 20 Jahre nicht gesehen hatte, auf dem Hinweg zum Klosterkeller in der Straßenbahn traf und auf dem Rückweg noch einmal, eben dort, in der Straßenbahn. Wir quatschten, bis wir merkten, Hauptbahnhof? Sind wir jetzt glatt vorbei gefahren. Machte nichts, gab Schlimmeres.

Tipp für heute: Der Weg ist das Ziel.

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