Corona-Tagebuch 193

1. Oktober 2020

Wie ich durch die ‚Berliner Zeitung‘ erfuhr, hat der Senat der Stadt einen ‚Leitfaden für Mitarbeitende der Berliner Verwaltung zum diversitysensiblen Sprachgebrauch‘ heraus gegeben. Allein der Name ist eine Zumutung. Als jemand, der sich gerne mit Sprache beschäftigt, verfolge ich seit geraumer Zeit und mit wachsendem Unbehagen den Kampf gewisser Leute, die sich noch dazu „links“ nennen, gegen einzelne Wörter oder Begrifflichkeiten. Verständlich erst mal ist ihr Beweggrund, denn Sprache beeinflusst unser Handeln. Wer mit Worten herab gewürdigt wird, wird es sehr bald auch mit Taten. Nur suggerieren die Kämpferinnen und Kämpfer für eine neue Sprache, dass einzelne Worte unser Denken bestimmen würden und das leuchtet mir nicht ein. So wenig, wie Maschinen für die Ausbeutung der Menschen verantwortlich waren, wer erinnert sich nicht gern und mit einem Schmunzeln im Gesicht an die Maschinenstürmer, so wenig halte ich Buchstaben, egal in welcher Anordnung, für schuldig. Erst wir geben ihnen mit unserem Denken einen Sinn. Wenn ich also begreife, dass eine Hautfarbe keine Rolle spielt, bei der Wertigkeit eines Menschen, ist es völlig egal wie ich diesen bezeichne. Man wird nicht zum Antisemiten weil man ‚Jude‘ sagt, selbst wenn das Wort häufig als Schimpfwort benutzt wurde und wird. Der Senat empfiehlt nun den Beamten nicht mehr das Wort ‚Ausländer‘ zu verwenden, sondern stattdessen ‚Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft‘. Man kann diesen Rückzug aus der Sprache witzig finden, allein, ich befürchte, es treibt viele in die Arme der Rechten, die noch „mit Volkes Stimme“ sprechen. Fangen wir an, die negativen Bedeutungen des Wortes ’schwarz‘ im Deutschen (schwarz fahren, schwarz sehen, schwarz malen, Schwarzarbeit, anschwärzen etc.) auszumerzen, obwohl sie mit der Hautfarbe nicht das Geringste zu tun haben, werden wir, so befürchte ich, das Gegenteil von dem erreichen, was der Beweggrund war. Der Unmut wird sich nicht gegen die Zensoren richten, sondern gegen jene, die mit der Zensur vor Diskriminierung geschützt werden sollten. Puh! Genug damit. Schöne Schlagzeile heute auf tagesschau.de: „Ein Winter ohne Deutsche?“ Ging allerdings lediglich um Tourismus in Österreich. Rekorde an Neuinfektionen melden Lettland, 95 Fälle am Tag, die Vereinigten Arabischen Emirate, 1.100 Fälle am Tag, die Ukraine, 4.069 Fälle am Tag, Israel, 8.919 Fälle am Tag und Argentinien, 14.392 Fälle am Tag. Über 200 Covid-19-Tote in Syrien, über 300 in Myanmar, über 900 in Costa Rica. In Ibiza-Stadt müssen ab morgen Bars und Restaurants ab 22 Uhr geschlossen bleiben, Kinderspielplätze dürfen nicht mehr betreten werden, Partys mit mehr als 5 Personen sind verboten. Gut, immerhin haben sie die Partys nicht ganz verboten. Zu dritt oder zu viert, kann man ’s nach wie vor krachen lassen.

Tipp für heute: Alleine feiert es sich sowieso am ausgelassensten.

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